Rosch ha-Schana

Rosch ha-Schana – ein gutes und süßes neues Jahr

„Und am ersten Tag des siebten Monats sollt ihr eine heilige Versammlung abhalten;
an diesem Tag dürft ihr keine schwere Arbeit verrichten.
Es wird für euch ein Tag mit Jubelschall sein.“
(Num 29,1)

Der jüdische Kalender kennt zwei Jahresanfänge. Durch sie wird an die beiden großen Anfänge der Geschichte der Menschheit und der Geschichte Israels erinnert.
Im Frühjahr, am 15. Nissan, dem Pessachfest, feiert Israel den Auszug aus dem Sklavendienst in Ägypten als das Datum seiner Befreiung und Volkwerdung.
Sieben Monate später, am 1. Tischri (im Jahr 2021 ist dies der 6. September), feiern die Juden Rosch ha-Schana (wörtlich = Kopf des Jahres); nach altbabylonischer Tradition den Beginn des bürgerlichen Jahres als den Tag, an dem die Erschaffung der Welt mit der Erschaffung Adams und Evas abgeschlossen war. (Diese jüdische Ära ist seit dem 11. Jahrhundert n.Chr. gebräuchlich; das Datum des Beginns wurde durch Rabbi Hillel im 4. Jh. n.Chr. berechnet; nach christlicher Zählweise gemäß dem Gregorianischen Kalender entspricht dies dem 7. Oktober 3761 v. Chr.).

An Rosch ha-Schana, auch „Tag des Gerichts“ genannt, blicken praktizierende Jüdinnen und Juden auf das vergangene Jahr zurück. Die zehn Tage bis zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur (= Tag der Versöhnung) am 10. Tischri dienen der Besinnung und Reflexion, dem Gebet, der Wohltätigkeit sowie der Buße und Bitten um Vergebung.

Diese zehn Tage werden Jamim Noraim = „ehrfurchtsvolle Tage“ genannt. Sie laden dazu ein 10 Tore zu durchschreiten:
1. Tor: Der Klang des Schofarblasens soll den Menschen als geistliches Wesen in Bewegung bringen.
2. Tor: Erwartet wird hier ein Hinterfragen der täglichen Lebenspraxis
3. Tor: mithilfe von Gebet und Studium der Tora;
4. Tor: und mithilfe guter Moralliteratur das eigene Verhalten zu analysieren;
5. Tor: praktikable Vorsätze für das neue Jahr formulieren
6. Tor: Nachdenken über die eigenen Hauptlaster;
7. Tor: Nachdenken über Worte der Ermutigung;
8. Tor: Beurteilen der eigenen Taten: was einer gewollt hat und was ungewollt geschehen ist;
9. Tor: Korrektur eigener Fehler und Versäumnisse;
10. Tor: sich vom sündhaften Begehren distanzieren, indem man Versuchungen meidet.

„Am Neujahrstag wird es geschrieben
und am Versöhnungstag wird es besiegelt,
wie viele vergehen, wie viele entstehen,
wer leben wird und wer sterben…,
wer in Freuden, wer in Leiden,
wer arm, wer reich,
wer sinkt, wer steigt.
Aber Umkehr, Gebet und Liebeswerke
wenden das Böse des Verhängnisses ab.“
(aus dem Abendgebet von Rosch ha-Schana).

Der Tradition nach werden am jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana die Namen der Menschen in das himmlische Buch des Lebens, eingetragen. Deshalb begrüßt man sich zu Neujahr mit dem Wunsch: „Zu einem guten Jahr mögest du eingeschrieben werden“ – nämlich in das „Buch des Lebens“.
An Rosch ha-Schana trägt man den „Kittel“ = ein weißes Gewand, als Zeichen des Wunsches nach Reinheit. Kann man ein natürliches Wasser erreichen, so schüttelt man seine Taschen aus, als Zeichen dafür, dass man seine Sünden von sich wirft.
Zum Zeichen der Hoffnung auf „ein gutes und süßes neues Jahr“ schenkt man einander einen Granatapfel mit dem Wunsch: „Möge Gott Dir so viel glückliche Tage gewähren, wie der Granatapfel Kerne hat“ und man taucht bei der festlichen Abendmahlzeit ein Stück Apfel in Honig.

Die darauffolgenden „Tage der Reue“ geben letzte Möglichkeiten zur Veränderung. Am Ende des Jom Kippur sollen sich die Tore des Himmels wieder schließen und das himmlische Buch des Lebens versiegelt werden. Deshalb wünschen sich Juden zu Jom Kippur „Chatima Towa!“, d.h. eine „Gute Besiegelung“.*

Rosch ha-Schana

Rosch ha-Schana – Neujahrsfest – Schofarblasen; Grafik von G. M. Ehlert

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* Einige Symbole hat das Christentum vom jüdischen Neujahrsfest übernommen und neu interpretiert.
Das Fest, mit dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt, ist die Taufe.
Im Ritus der katholischen Kirche heißt es bei der Tauffeier: „Dein Name steht für immer (nicht nur für das kommende Jahr!) im Buch des Lebens; er steht in Gottes Hand.“ Der Neugetaufte bekommt ebenfalls einen „Kittel“ – das weiße Taufkleid als äußeres Zeichen, dass er durch Tod und Auferstehung Christi rein geworden ist von der Sünde. Und in der Firmung wird er „besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.“

Das Fest Rosch ha-Schana als Tag des Schofarblasens erinnert auch an die „Wiederkunft Christi“:
„Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen, dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt zur Begegnung mit dem Herrn.“ (1 Thess 4,16-17)
vgl. auch das Gleichnis Jesu vom Weltgericht: Matthäusevangelium 25,31-46.

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Links:
zu jüdischen Festen:
a) „Frühjahrsfeste“
– Pessach (Auszug aus Ägypten) – 14. Nisan
– Mazzoth (Woche der ungesäuerten Brote) – 15.-21. Nisan
– Habikkurim (Tag der Erstlingsfrüchte) – Tag nach dem Sabbat nach dem 15. Nisan
Schawuot (Pfingsten – Gabe der Tora) = 6. Sivan
b) „Herbstfeste“
Rosch ha-Schana (Neujahrsfest) – 1. Tischri
Jom Kippur (Versöhnungsfest) – 10. Tischri
Sukkot (Laubhüttenfest) – 15-21. Tischri
– Schimri azaret (das Fest der Torafreude) – 22. Tischri
weitere Feste:
Purim

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Gedanken – Meditationen – Einblicke

Georg Michael Ehlert

(c) G. M. Ehlert

Stand: 06. Sept. 2021