Nunc dimittis

Nunc dimittis – Nun kann ich in Frieden sterben…

 

„Nunc dimittis“ – „Nun kann ich in Frieden sterben…“ – ist das Loblied eines alten Mannes, der kurz vor seinem Tod in einem kleinen Kind, das gerade einmal vor 40 Tagen geboren wurde, den Retter aller Menschen erkennt.

Von Gottes Geist angetrieben kommt dieser greise Simeon – so berichtet es uns das Lukasevangelium – in den Tempel in Jerusalem. Dies geschieht genau zu dem Zeitpunkt, als Maria und Josef das kleine Jesuskind Gott „darstellen“, d.h. sein Leben Gott zur Verfügung stellen. (Der biblische Text: Lk 2.22-38  – Eine Meditation dazu  siehe: „Fest Darstellung des Herrn“).

Da kommt der greise Simeon hinzu und nimmt das Kind in seine Arme und preist Gott mit seinem Gebet, das zum täglichen Gebet der Kirche zu Beginn der Nacht geworden ist.

(zunächst in einer wortgetreuen Übersetzung):

„Nun löst du (gänzlich) los den Knecht dein – o Gebieter* (= griechisch: Despot, Herrscher)
– gemäß dem Gesagten dein – in Frieden;

denn gesehen haben die Augen mein – das Rett-hütende dein,
das du bereitest – vor dem Angesicht aller der Völker,

Licht – zur Enthüllung (gr. Apokalypse) der Nationen*
und Herrlichkeit – deinem Volk Israel.“

 

„Nun lösest du los deinen Knecht – o Gebieter,
gemäß dem von dir Gesagten – in Frieden…

So beginnt der Lobpreis eines alt gewordenen Mannes, der kurz vor seinem Tod in einem kleinen Kind die Erfüllung der alten Verheißung Gottes erkennt;
nicht mit seinen Augen allein – sie sehen nur ein kleines Kind einfacher Eltern… – sondern mit den „Augen, die vom Geist Gottes erleuchtet sind“.
In diesem kleinen Kind – offenbart sich der große, rettende Gott.
In diesem kleinen Kind – schenkt er den Menschen ihren Heiland und Retter – den verheißenen Messias.

Nun kann er sein irdisches Leben loslassen – es in Gottes Hände zurücklegen.
Er weiß nun, dass das, worauf er ein Leben lang gehofft und wofür er gebetet hat, nun beginnt, sich zu erfüllen.

Angesichts dessen, dass sein irdisches Leben nun erfüllt ist, schaut er ohne Angst auf seinen nahenden Tod. – Kein Verdrängen, kein Verhandeln um mehr Lebenszeit, kein Hadern, keine Verzweiflung, sondern ein Lobpreis Gottes kommt ihm über die Lippen. Er schaut auf das Künftige, das schenkt ihm umfassenden inneren Frieden.

Mit diesem Loslassen in Frieden – legt er die Erfüllung seiner Lebenssehnsucht ganz in Gottes Hand.
Wer mit diesen Worten seinen Tag in einer solchen vertrauensvollen Haltung in Gottes Hände zurücklegt, der kann (hoffentlich) ruhig einschlafen, um am nächsten Morgen wieder von Gott geweckt und durch den neuen Tag begleitet zu werden.

„denn gesehen haben meine Augen – das Rettende / deinen Retter,
das (Heilbringende), das du bereitet hast vor dem Angesicht aller Völker…“

Der greise Simeon lebt aus der biblischen prophetischen Überzeugung, dass das Heil – der ersehnte Messias – nicht nur für das auserwählte Volk Israel, sondern für alle Völker heilbringend sein wird.
Alle Völker – so die Verheißung – werden einmal hinaufziehen zum Berg des Herrn…

„ein Licht zur Enthüllung der nichtjüdischen Völker,
und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“

Dieser kommende Christus – den der greise Simeon in seine Arme genommen hat – wird ein Licht sein, der etwas (bis dahin verborgenes) aufdecken/ enthüllen wird,
zum einen, was der Wille Gottes ist: einander so zu lieben, wie Christus die Menschen geliebt hat
und zum anderen, inwieweit die Menschen dies in ihrem Leben getan oder auch nicht getan haben. „Was ihr einem dieser Geringsten getan oder nicht getan habt, das habt ihr mir – Christus – getan“ – so fasst das Matthäusevangelium in der Weltgerichtsrede das Entscheidende zusammen.
Sowohl für das auserwählte Volk Israel wie auch für Menschen aller Nationen wird Jesus einer sein, an dem sich die Geister scheiden, entweder lassen sie sich von seinem Geist der Liebe erfüllen und versuchen, danach zu leben, oder sie werden ihn verwerfen und dadurch selbst zu Fall kommen.

Im Anschluss an den Lobpreis beschreibt der greise Simeon gegenüber den Eltern Jesu dessen Zukunft. Viele werden zu Fall kommen durch ihn, andere werden aufgerichtet, das Kind wird ein leuchtendes Zeichen sein und Anlass zum Widerspruch. Dem Jubel über die Erlösung durch das Kind folgt ein nüchterner Blick auf dessen Zukunft in der Welt: Der Messias wird umstritten sein; an ihm werden „die Gedanken vieler offenbar werden“.

Hier zeigt sich die christliche Überzeugung:
Es kommt ein Gott, der will, dass die Menschen sich in aller Freiheit für ihn entscheiden. Nicht ein König erscheint, der so auftritt, dass kein Platz für Zweifel bleibt. Sondern ein „Menschensohn“ kommt, der später darum werben wird, dass die Menschen sich freiwillig für ihn entscheiden. Gott will keine Macht, Gott will das Beste: frei geschenkte Liebe. Und er schenkt das Beste: sich selbst – seine Liebe. Dafür ist er bereit, den Preis zu zahlen – dass er von Menschen verworfen – ja sogar ans Kreuz geschlagen wird.

Simeon kündigt keine Abrechnung an, aber er mahnt.
So blicken auch die Christen, die dieses Nachtgebet beten, zuvor auf den Tag zurück und beten das Sündenbekenntnis: Vergib Gott, wo ich heute gegen dich gehandelt habe. Hilf mir, mich auf Dich auszurichten. Sei mein Heil am Tag, damit ich am Ende meiner Tage in Frieden sterben kann. Am Ende wird alles von Gott vollendet werden – Dann wird alles gut – das sieht Simeon kurz vor seinem Tod im Jesuskind und deswegen kann er im Jubel sterben.
Am Ende wird alles gut – so beenden die Beter ihren Tag und überlassen sich getrost dem Schlaf, in dem Vertrauen, von Gott zu einem neuen irdischen Tag aufgeweckt oder zum ewigen Leben auferweckt zu werden.

Das „Nunc dimittis“ in der Liturgie des Stundengebetes der Kirche

Wie das Magnificat – der Lobgesang Mariens (siehe Lk 1,46-55)
und das Benedictus – der Lobgesang Zacharias, der Vater des Johannes d.T. (siehe Lk 1,68-79)
ist auch das Nunc dimittis – der Lobgesang des greisen Simeon (siehe Lk 2,29-32)
ein Canticum (= Loblied) aus dem Evangelium nach Lukas.

Diese drei Lobgesänge haben Eingang gefunden in das Breviergebet (= tägliche Stundengebet) der Kirche.
Gebetet bzw. gesungen wird
das Benedictus wird in der Laudes (= dem Morgengebet der Kirche);
das Magnificat wird in der Vesper (= dem Abendgebet der Kirche)
und das Nunc dimittis wird in der Komplet (= dem Nachtgebet der Kirche).

Im Allgemeinen wird es in der liturgischen Feier stehend gebetet bzw. gesungen.
Bei allen dieser drei Lobgesänge aus dem Evangelium wird während des ersten Satzes das Kreuzzeichen gemacht.
Die Doxologie (= Verherrlichung Gottes) – das „Ehre sei dem Vater…“ beschließt das Gebet.

Das Nunc dimittis hat immer die gleiche Antiphon (= Kehrvers).
Dieser Kehrvers wird jeweils vor und nach dem Canticum gebetet bzw. gesungen.

Damit ergibt sich folgende Struktur:

(Antiphon):
Sei unser Heil, o Herr, wenn wir wachen, /
und unser Schutz, wenn wir schlafen, /
damit wir wachen mit Christus /
und ruhen in seinem Frieden.

(Canticum):
Nun lässt du, Herr, deinen Knecht *
wie du gesagt hast in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben das Heil gesehen, *
das du vor allen Völkern bereitet hast.
Ein Licht zur Erleuchtung der Heiden *
und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

(Doxologie):
Ehre sei dem Vater und dem Sohn *
und dem Heiligen Geist.
Wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit *
und in Ewigkeit. Amen.

(Antiphon):
Sei unser Heil, o Herr, wenn wir wachen, /
und unser Schutz, wenn wir schlafen, /
damit wir wachen mit Christus /
und ruhen in seinem Frieden.

 

 

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