Sehnsuchtsrufe im Advent

Die O-Antiphonen

 

Das Herzstück im kirchlichen Stundengebet in der Adventszeit
sind die besonderen Antiphonen zum Magnifikat in der Vesper –
die sogenannten O-Antiphonen:

O Sapientia (17. Dez.)
O Adonai (18. Dez.)
O radix Jesse (19. Dez.)
O clavis David (20. Dez.)
O Oriens (21. Dez.)
O Rex gentium (22. Dez.)
O Emmanuel (23. Dez.)
(O Virgo virginum) (24.Dez.)

siehe auch: „Herr, send herab uns deinen Sohn“ –
ein Lied aus dem Gotteslob zu den O-Antiphonen (GL 222)

7 x O komm…

Mit sieben Namen
preist die Kirche den Herrn
in den letzten Tagen vor Weihnachten –
die Antwort auf die alten Verheißungen:

oh Sapientia – o Weisheit, die zeigt, was nötig ist;
oh Adonai – o mein Herr, der uns den Weg führt;
oh Radix Jesse – o Wurzel, aus der alles wird;
oh Clavis David – o Schlüssel, der unsere träume deutet;
oh Oriens – o Aufgang, Glanz des ewigen Lichtes;
oh Rex gentium – o König, vor dem alle ein Volk sind;
oh Emmanuel – o Gott mit uns; du Licht gegen all unsere Dunkelheit.

Mit dem 17. Dezember beginnen die letzten 8 Tage auf Weihnachten zu, der sogenannte Hohe Advent. Schon seit dem 8. Jahrhundert werden an den letzten sieben Tagen vor Weihnachten in der Vesper, dem Abendgebet der Kirche, die sogenannten O-Antiphonen gesungen.

Antiphon
(= wörtlich „Gegenklang“ / Echo) ist ein Kehr- und Rahmenvers eines Psalms.
Die besonderen Rahmenverse zum Magnifikat – dem Lobgesang der Gottesmutter Maria – in der Vesper vom 17. – 23. Dezember beginnen jeweils mit dem Sehnsuchtsruf O.

Die Buchstaben A und O weisen hin auf den ersten und letzten Buchstaben im griechischen Alphabet: das Alpha und das Omega. In der Offenbarung des Johannes wird Christus als das Alpha und Omega bezeichnet (vgl. Offb 22,23).
Christus ist das „A und O“ der Welt – der, auf den es wirklich ankommt.

Oh!
– ist ein tiefer menschlicher Laut. Es sieht und hört sich an wie ein offener Mund, der noch nicht weiß, ob er klagen oder staunen soll.

Veni! – Komm!
Dieser Ruf spielt eine große Rolle in den verbreiteten Rufliedern der Antike.
Urerlebnis der Menschen ist die Ankunft, das Kommen. (Menschen – Einsamkeit – Sehnsucht – Erwartung – Heimkehr …)
Die 7 O-Antiphonen des Advents sind Variationen über den Schluss der Offenbarung des Johannes (Offb 22, 16):
„Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der glänzende Morgenstern. Wer hört, der spreche: Komm! Wer dürstet möge kommen… Der dies bezeugt, Spricht: Ja, ich komme bald. Amen. Komm, Herr Jesu!“

Die einzelnen Antiphonen drücken die Sehnsucht nach dem Kommen des Herrn aus. In einer gewissen Steigerung weisen sie darauf hin, dass der Gott, der von Anfang an der Herr der ganzen Welt ist, der sich in der Geschichte dem Volk Israel in besonderer Weise offenbart hat, nun kommen wird, um alle Menschen aus der Finsternis zum Licht des Lebens zu führen.

Die Antiphonen beginnen jeweils mit einer Anrufung Christi mit einem Titel, der aus dem Alten Testament stammt. Es sind die folgenden:

Sapientia – Weisheit,
Adonai – Mein Herr,
Radix Iesse – Wurzel Isais,
Clavis David – Schlüssel Davids,
Oriens – Morgenstern,
Rex – König,
Emmanuel – „Gott-mit-uns!“.

Nach der genannten Anrufung werden die einzelnen Themen näher ausgeführt
und jede Antiphon endet mit dem flehentlichen Ruf „veni…“ – komm! und einer Bitte.

I. Ruflieder uralter Sehnsucht

Die sieben O-Antiphonen sind in ihrer Textform gleich gestaltet.
Sie beginnen mit jeweils einer Anrufung, die mit ihren verschiedenen alttestamentlichen Bildern jeweils als Aussagen über Christus zu verstehen sind. Dann folgt jeweils der sehnsuchtsvolle Gebetsruf: „Komm!“
und es wird das ersehnte Ziel des Kommens zum Ausdruck gebracht.

Diese O-Antiphonen übernehmen damit die Form der sogenannten „Ruflieder“, mit der in vorchristlicher griechischer und römischer Religion jeweils die kultisch gefeierte Ankunft („Adventus“) der Götter – nach Augustus auch der als Götter verehrten Kaiser – besungen wurde.
Die römische Liturgie übernimmt für ihre Feier der Vorbereitung auf Weihnachten, die dem „Advent“ zugehörige Liedform der „Ruflieder“.

II. Prophetische Visionen

Die älteste Handschrift, die uns der Text der sieben O-Antiphonen überliefert, ist das Responsoriale von Compiègne (2. Hälfte des 9. Jh., PL 78, 732f). Hier wird noch eine 8. Antiphon angefügt, die sich jedoch an die Jungfrau Maria richtet.

Die einzelnen O-Antiphonen sind eine „wunderbare Schau“, in der verschiedene biblische, besonders alttestamentliche Texte der Not und der Hoffnung auf Heil anklingen. Sie werden jeweils auf die Ankunft/ Wiederkunft Christi bezogen.

III. Kosmische Ordnung
Sowohl bei der Siebenzahl (bzw. der Zahl acht) als auch bei dem Aufbau der Antiphonen ist eine verborgene Symbolik zu entdecken. „Sieben ist das Zur-Vollendung-Kommen, die achte erklärt und zeigt, was vollendet ist.“ (Amalar von Metz). Charakteristisch für mittelalterliches Denken ist, dass es von „Stufen“ spricht, von einem stufenweisen Prozess der Annäherung. Es legt sich die Vermutung nahe, dass mit den sieben O-Antiphonen auf die sieben Planeten Bezug genommen wird.
Den Planeten – in der Reihenfolge ihrer Entfernung von der Erde – Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond (Uranus, Neptun u. Pluto wurden erst in der Neuzeit entdeckt) ist gemeinsam, dass nur sie – von der Erde aus gesehen (!) – vor dem Fixsternhimmel in festen Bahnen um die Erde sich bewegen.

In die Harmonie der kosmischen Bahnen sah sich der mittelalterliche Mensch selbst eingebunden. Diese sieben Planeten tragen die Namen mythischer Gottheiten und sie symbolisieren verschiedene Kräfte im Menschen.

In den O-Antiphonen erklingt der Ruf nach Erlösung aller dieser Kräfte des Menschen, die durch die mythischen Gottheiten symbolisiert werden. Mit ihrem eindringlichen Ruf „Komm!“ sind die O-Antiphonen ein christliches Lied, das der Sehnsucht des Herzens Ausdruck verleiht, die Verheißung Christi möge sich endlich erfüllen:

„Seht, ich mache alles neu“
(Offb. 21,5).

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17. Dezember: O Sapientia – o Weisheit

O Sapientia,
quae ex ore Altissimi prodisti
attingens a fine usque ad finem
fortiter suaviter disponensque omnia:
–veni ad docendum nos viam prudentiae.

–> O Sapientia (YouTube)

O Weisheit,
die du aus dem Mund des Höchsten hervorgegangen bist –
umspannend von einem Ende bis zum anderen
mit Macht und mit Milde ordnend das All:
– komm, uns zu lehren den Weg der Klugheit.

Lob auf Gottes Weisheit:
Sir 24,3: “Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor…”
Weish 8,1: “Machtvoll entfaltet sie ihre Kraft von einem Ende zum andern und durchwaltet voll Güte das All.”
Jes 40,14: “Wer könnte ihm (= Gott) zeigen den Weg der Klugheit?”

Diese Antiphon ruft nach Christus, der schöpferischen Weisheit Gottes als dem Lehrer, der Macht hat. Er soll in uns bewirken, den rechten Weg zu gehen.

Saturn als letzter der (damals) sichtbaren Planeten in unserem Sonnensystem deutet die Grenze des Lebensbereiches an, er geht nur langsam voran, sein Licht ist matt.

So bedeutet Saturn das Prinzip der Begrenzung des Lebens. Begrenzung bedeutet zugleich aber auch Formung; ohne Grenzsetzung gibt es keine Ordnung, keinen Weg, verliert sich alles.

So meint Saturn die zwar leidvolle, zugleich aber auch notwendige Erfahrung der Grenze auf dem Weg des Reifens zur Weisheit.

Es ist nicht schwer, in der ersten O-Antiphon den Ruf nach der positiven, heilenden Kraft des Saturn zu entdecken. Hinzu kommt, dass – beginnend mit dem 17. Dezember, an dem diese Antiphon gesungen wird – im Alten Rom die Feier der Saturnalien begann, die seit der Kaiserzeitdurch sieben Tage hindurch begangen wurde.

o-antiphon-4-17

Christus ist die Weisheit,
das dem Vater wesensgleiche Wort.
In diesem Wort der Weisheit hat Gott die Welt erschaffen
und in ihm erhält er die Welt am Leben.

Weil durch Jesus Christus alles entstanden ist,
ist die Welt schon seit ihrem Anbeginn
ganz von ihm erfüllt und wird von seiner Kraft und Milde geordnet.

Gott hat seine Weisheit schon dem Volk Israel kundgetan,
doch in Jesus Christus kommt das Wort,
durch das Gott die Welt erschaffen hat, selbst in diese Welt.

Die Weisheit Gottes spricht selbst zu uns
und offenbart uns den Weg der Weisheit und der Einsicht.

Der Mensch hat die Wahl, sich für die Weisheit Gottes
oder seine eigene Weisheit zu entscheiden.

Wir bitten darum, dass Christus auch in unserem Herzen geboren werde
und uns den Weg der Weisheit lehre, damit wir leben, wie es recht ist vor Gott.

Jesus, du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben, zeige uns den Weg zum Leben!

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18. Dezember: O Adonai – o mein Herr

O Adonai et Dux domus Israel –
qui Moysi in igne flammae rubi apparuisti
et ei in Sina legem dedisti:
– veni ad redimendum nos in brachio extento.

–> O Adonai (YouTube)

O Herr und Führer des Hauses Israel –
der du Mose in der Feuerflamme des Dornbuschs erschienen bist
und ihm auf dem Sinai das Gesetz gegeben hast:
– komm und erlöse uns mit erhobenem Arm.

Zugrunde liegt Ex 6,3ff = die Verheißung Gottes
an Mose, sein Volk mit machtvoll erhobenem Arm aus der Knechtschaft Ägyptens zu erlösen und herauszuführen. Hinweis in Mi 5,1 auf den „Führer des Hauses Israel“
Zur Erscheinung Gottes im Dornbusch vgl. Ex 3,2 u. am Sinai vgl. Ex 19ff.

Diese Antiphon ruft nach Christus, dem Offenbarwerden der Herrschaft des Wortes Gottes in einer Weltordnung, die besser ist als die, in der wir leben.

Jupiter ist in der Mythologie der „Höchste“ der Götter, der „Herr“ des Himmels, der Inbegriff aller Rechtsordnung.
Diese „Souveränität“ kommt in dem nach ihm benannten Planeten darin zum Ausdruck, dass er zwölf Jahre für seinen Umlauf um die Sonne benötigt, so viele Jahre, wie das Sonnenjahr Monate hat.
Das Jupiterjahr ist ein Jahr höherer Ordnung.
So bezeichnet Jupiter das Streben des Menschen nach einer neuen, besseren Weltordnung – korrespondierend jener Gottesherrschaft, nach der wir in der 2. O-Antiphon rufen, zudem nach begründeter Ansicht der Jupiter der Stern ist, der zusammen mit dem Saturn der Stern ist, dessen besondere Erscheinung nach Mt. 2,2 auf den Messias verweist. 

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Wir sehnen uns nach der Wärme und dem Licht des Feuers,
wir sehnen uns nach Nähe, nach einem Antlitz, das sich uns zuneigt.
Wir sehnen uns nach Freiheit.

Herr Jesus, wenn du uns befreist, sind wir wirklich frei (Joh 8,36).
Komm Herr und mach uns frei!

Gott ist wie ein nie verlöschendes Feuer –
und wir sollen uns von diesem Feuer entfachen lassen.

Gottes Feuerflamme, sie zeigt sich uns im Heiligen Geist. Wir wissen, dass er am ersten Pfingstfest in Feuerzungen auf die Jünger herabkam und ihnen die Kraft gab, von Jesus Christus Zeugnis zu geben. Das war kein einmaliges Ereignis. Pfingsten ereignet sich immer neu. In Taufe und Firmung wird jeder Mensch hinein genommen in die Gemeinschaft der Geisterfüllten. Doch leicht wird der Glaube zur Routine, der Funken springt nicht über.

Habe ich die Sehnsucht, dass Gottes Feuer in mir zu brennen beginnt?

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19. Dezember: O Radix Jesse – O (Spross aus der) Wurzel Isais

O radix Jesse,
qui stas in signum populorum –
super quem continebunt reges os suum,
quem gentes deprecabuntur:
– veni ad leberandum nos, jam noli tardare.

–> O Radix Jesse (YouTube)

O (Spross aus der) Wurzel Isais,
der du stehst als Zeichen für die Nationen – 
vor dem die Könige ihren Mund schließen,
den die Völker anflehen:
– komm, uns zu befreien, säume nicht länger.

Grundtext ist die prophetische Verheißung aus Jes 11,1-10, die die machtvolle Wirkung des aus der Wurzel Isais aufgehenden Sprosses betont.
Vgl. auch die Aussagen aus den Liedern vom leidenden Gottesknecht: Jes 52,15; 53,2.7

Diese Antiphon ruft nach Christus, dem Herrscher, der ganz anders ist als die, die wir kennen, nach dem verheißenen Neuanfang, nach dem ganz Anderen,
der die Mächtigen dieser Erde endlich zum Schweigen bringt.

Mars – nach dem römischen Kriegsgott benannt
– symbolisiert die Aggressivität und Vitalität im Menschen, seine Antriebskraft und Schaffens- freude. Astrologisch beherrscht Mars das neue Aufsprießen der Natur im Frühjahr, wenn die Sonne im Tierkreiszeichen Widder steht.
Die Initiative Gottes zu unserem Heil beginnt mit dem „Spross“ aus der Wurzel Isais, nach dem wir in der 3. O-Antiphon rufen.

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Aus der Wurzel Isais wächst ein Zweig empor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm,
der Geist der Weisheit und der Erkenntnis,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist des Wissens und der Frömmigkeit
und es erfüllt ihn der Geist der Gottesfurcht.
(Jes 11,1-3)

Jesus aus Nazaret (= Sprossdorf) ist dieser Spross aus der Wurzel Isais
der verheißene König. Ihn flehen die Völker an, dass er sie herausführt aus Dunkel und Finsternis in sein Licht.

Das Königtum Christi ist anders als das der weltlichen Könige.
Sein Reich, das Reich Gottes, ist nicht von dieser Welt.
Hier in dieser Weltzeit umspannt es verborgen alle Völker der Erde
und wird erst am Ende der Zeiten offenbar werden.

Die Sterndeuter fragten nach dem neugeborenen König der Juden (Mt 2,2)
und vor Pilatus sagt Jesus selbst: „Ja, ich bin ein König.“ (Joh 18,37)

Beten wir mit dem Schächer am Kreuz:
„Herr, denk an mich, wenn Du mit Deiner Königsmacht kommst!“
(Lk 23,42)

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20. Dezember: O clavis David – O Schlüssel Davids

O clavis David et sceptrum domus Israel –
qui aperis et nomo claudit;

claudis et nemo aperit:
– veni et educ vinctum de domo carceris,
sedentem in tenebris et
umbra mortis.

–> O clavis David (YouTube)

O Schlüssel Davids und Zepter des Hauses Israel –
der du öffnest und niemand
schließt;
du schließt, und niemand
öffnet:
– komm und führe den Gefangenen aus dem Kerker,
den, der sitzt in Finsternis
und Schatten des Todes.

Grundlage ist Jes 22,20, wo Eljakim berufen wird als Verwalter im Hause Davids die Schlüssel übertragen bekommt. –
Gen 49,10 spricht davon, dass das Zepter von Juda nie weichen wird. –
In Jes 9 wird das Kommen dieses verheißenen Herrschers aus Juda auf dem Thron Davids gefeiert.
In Lk 1,78f besingt Zacharias Christus als das aufstrahlende Licht…

Diese Antiphon ruft nach Christus, nach der Macht, die wie die Strahlen der Sonne
in der Finsternis befreiend wirken, mit gleichsam königlicher Autorität
aus der Todesangst herauszuführen vermag.

Der strahlende Sonnenball – Symbol für Christus, die Sonne der Gerechtigkeit. Unter dessen Strahlen ist das Leben auf der Erde schlechthin überhaupt erst möglich. Die Sonnenstrahlen lassen die Samen aus der finsteren Erde aufkeimen und Frucht bringen.

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Der Zugang zum Heil Gottes,
der bisher nur dem Volk Israel offen stand und den Heiden verschlossen war,
wird durch Christus allen Völkern eröffnet.
So werden alle Menschen aus Finsternis und Tod befreit.

Aphrahat, der Persische Weise, beschreibt,
wie Christus nach seinem Tod die Gefangenen aus der Unterwelt befreit:

Er betrat die Scheol und führte die Gefesselten heraus.
Mit dem Bösen kämpfte er, bezwang ihn und trat ihn nieder,
durchbrach seine Bahnen und plünderte seinen Besitz;
er zerbrach seine Pforten und riss seine Riegel ab.
Er versiegelte unsere Seelen mit seinem eigenen Blut.
Er ließ die Gefangenen frei aus der verschlossenen Grube.

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21. Dezember: O Oriens – O Morgenstern

O Oriens,
splendor lucis aeternae –
et sol justitiae:
– veni et illumina
sedentes in tenebris et umbra mortis.

–> O Oriens (YouTube)

O Morgenstern,
Glanz des ewigen Lichtes –
und Sonne der Gerechtigkeit:
– komm und erleuchte,
die sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.

Dass der Herr wie ein Stern aufgeht, wird in Jes 60,2 gesagt,
und nach Jes 62,1 steigt in Jerusalem sein „Glanz“ auf.
Die Deutung als „Morgenstern“ ist von Offb 22,16 her gerechtfertigt.

Diese Antiphon ruft nach Christus, nach dem Licht der Gerechtigkeit, das die Menschen aus der Todesverfallenheit retten kann.

Die Venus – ist der Morgenstern, nach dem die 5. O-Antiphon ruft.
Der Ruf nach „Gerechtigkeit“ ist der Ruf nach der Venus.
Sie ist ein Bild für das Streben nach Ausgeglichenheit, Harmonie, Schönheit und Gerechtigkeit.
In Verbindung mit Mars gebiert sie – mythologisch gesprochen – Eros, die Liebe.

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Wir leben in der Spannung zwischen dem „schon“ und dem „noch nicht“.

Wir gehen dem Morgenstern entgegen, dem Aufgang der Sonne – Christus.

Er ist schon gekommen als Licht der Welt,
aber sein Glanz hat noch nicht alle Herzen erfasst und durchdrungen.

Wir beten darum, dass in uns und allen Menschen
das Licht Christi immer stärker leuchten möge.

Herr Jesus, strahlender Morgenstern, Licht der Welt,
die Nächte sind oft lang und lasten schwer auf uns:
die Dunkelheit des Geistes, die Nacht der Seele.
Gib uns Hoffnung, bis der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen.
Komm und erleuchte uns mit dem Strahl deines Lichtes.
Mach die Finsternis in unseren Herzen hell
und lass uns dereinst in die neue Stadt Jerusalem gelangen,
deren Leuchte du bist und in der es keine Nacht mehr geben wird.

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22. Dezember: O Rex gentium – O König der Völker

O Rex gentium, et desideratus earum –
lapisque angularis, qui facis utraque unum:
– veni et salva hominem, quem de limo formasti.

–> O Rex gentium (YouTube)

O König der Völker und ihr Ersehnter –
du Schluss-stein, der du die beiden vereinigst:
– komm und heile den Menschen, den du aus Lehm gebildet hast.

Vgl. Ps 47,9: dass Gott als König herrscht vgl. Eph. 2,20, wo von Christus als dem „Schluss-stein“ die Rede ist, der alles zusammenhält. Alle Menschen sind nach Gen 2,7 aus Lehm gebildet.

Diese Antiphon ruft nach Christus, nach dem, der die Entfremdung der Menschen aufzuheben vermag in einer Neuen Einheit und Gemeinschaft, in einem neuen Frieden.

Der Merkur symbolisiert alles Machen und Kombinieren sowie die Fähigkeit zur Mitteilung, zur Kommunikation, nach der die 6. O-Antiphon ruft.

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Der Glaube sieht in Jesus Christus die sehnsüchtige Erwartung des Volkes Israel nach dem Messias erfüllt.
Doch er ist nicht allein der König von Israel.
Seine Herrschaft reicht über die Grenzen des Volkes hinweg über die ganze Erde.

Paulus greift im Epheserbrief diesen Gedanken auf, indem er zeigt, dass Jesus Juden und Heiden – also alle Menschen – in dem einen gemeinsamen Glauben vereint und somit auch die mit dem Messias verbundene Friedensverheißung der Propheten erfüllt.

Er ist unser Friede.
Er vereinigte die beiden Teile
(Juden und Heiden)
und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. …
Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut;
der Schlussstein ist Christus Jesus selbst.
Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten
und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.
(Eph 2,14.17.19-21)

Du Heiland, den die Völker ersehnen, komm und rette unsere heillose Welt!

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23. Dezember: O Emmanuel – O „Gott-mit-uns“

O Emmanuel, Rex et legifer noster – 
exspectatio gentium et Salvator earum:
– veni ad salvandum nos, Domine Deus noster.

–> O Emmanuel (YouTube)

O „Gott-mit-uns“, König und unser Gesetzgeber
du Erwartung der Völker und ihr Retter:
– komm und rette uns, Herr, unser Gott.

Die Geburt des Emmanuels aus der Jungfrau ist nach Jes 7,14 das prophetische Heilszeichen.
Nach Mt 1,23 hat sich dieses Zeichen in der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria erfüllt. Sein Name bezeichnet, was er ist: Retter/Heiland (vgl Lk 2,11)
zu „Herr, unser Gott“ vgl. Ps 99,8 u. Ps 106,47.

Diese Antiphon ruft nach Christus, nach dem „Gott-mit-uns“, dem göttlichen Heiland und Retter, der in der Unbeständigkeit dieser Welt ersehnt wird als der Garant einer neuen Ordnung in Frieden und Gerechtigkeit.

Der Mond ist nach antikem Verständnis die Grenze zwischen Himmel und Erde, zugleich in seinem steten Wandel Bild der diesseitigen Welt, Bild auch der Kirche auf ihrer irdischen Pilgerschaft.
Im Menschen entsprechen dem Mond die unteren Eingeweide, der Verdauungsapparat, und die „linke“, die emotionale Seite.
(Das deutsche Wort „Laune“ kommt vom lateinischen „luna“ = „Mond“).
Den Alten war auch bewusst, dass der Mond kein eigenes Licht hat, dass sein Licht vielmehr Widerschein des Lichtes der göttlichen Sonne ist.
Über der Mondsichel nun – so wurde Offb. 12,1ff gedeutet – erscheint die Frau, die den Emmanuel gebären sollte, das Zeichen der ersehnten Gottesherrschaft, unserer Hoffnung in dieser Welt.

o-antiphon-4-23

Wir Christen glauben, das Jesus dieser verheißene Emmanuel (= Gott mit uns) ist.

Die Evangelien bezeugen, wie sich in Jesus der „Gott-mit-uns“ als heilende, stärkende und erlösende Gegenwart Gottes erweist.

Und das ist auch das Wesentliche des Weihnachtsfestes:
Wir feiern, dass Gott mitten unter uns gegenwärtig sein will als „Gott-mit-uns!“

Diese Verheißung kann im Leben jedes einzelnen Menschen ihre Erfüllung finden. Gott steht an der Tür und wartet darauf, dass auch du ihn in dein Leben lässt.

Komm Herr Jesus, zeige deine Gegenwart,
rüttle uns wach, öffne unsere Augen, Geist und Sinn,
dass wir erkennen, was um uns herum geschieht,
dass wir aufstehen, und für Gerechtigkeit eintreten.
Lass uns deine Gegenwart erfahren – auch in der Heiligen Eucharistie –
und mach uns zu Zeugen dafür, dass du der Immanuel bist, der Gott-mit-uns.

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24. Dezember: O Virgo virginum – o Jungfrau der Jungfrauen

O Virgo virginum
quomodo fiet istud?
Quia nec primam similem visa es
nec habere sequentem.

Filiae Ierusalem, quid me admiramini?
Divi num est mysterium
hoc quod cernitis.

–> O Virgo virginum (YouTube)

O Jungfrau der Jungfrauen,
wie kann das sein?
Denn weder vor dir hast du eine Ähnliche gesehen
noch hast du eine dir Nachfolgende?
Töchter von Jerusalem, was staunt ihr über mich?
Göttlich ist dieses Geheimnis,
das was ihr seht.

Die älteste Handschrift – das Responsoriale von Compiegne – fügt noch eine 8. Antiphon hinzu: Sie hat jedoch einen anderen Charakter.
Sie richtet sich an die Jungfrau und Gottesmutter Maria.

Mit der 8. O-Antiphon ist unser sehnsuchtsvolles Rufen bis in die Tiefe unseres erdverhafteten Seins vorgedrungen.
Dass dieses Rufen sich durch alle Kräfte des Kosmos hinzog, macht zugleich die Eingebundenheit des Menschen in die ganze Schöpfung deutlich:

„Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes
(Röm 8,19).

o-antiphon-4-24

O komm, Herr Jesus, komm!

Wenn wir nun am letzten Tag vor Weihnachten, nochmals zurückschauen,
so offenbart sich in den 7 Rufen verborgen auch schon die Antwort.

O Sapientia
O
Adonai
O
Radix Jesse
O
Clavis David
O
Oriens
O
Rex gentium
O
Emmanuel
(O Virgo virginum)

Liest man nämlich die Anfangsbuchstaben der ersten Wörter der 7 O-Antiphonen rückwärts der Reihe nach, dann stehen vor uns die Buchstaben

ERO CRAS: = “ich werde da sein – morgen” –

die Verheißung, zu der uns die Antiphonen hinführen wollen, da sie die prophetischen Visionen des Alten Testamentes im Lichte des Neuen Testamentes zum Lied unseres Herzens, zum Lied der ganzen Schöpfung machen.

Die Folge der Anfangsbuchstaben gibt auch einen Sinn, wenn wir gemäß der ältesten Textüberlieferung die schon erwähnte 8. Strophe “O Virgo virginum” hinzunehmen;
aus ERO (“Ich werde dasein”) wird dann VERO CRAS: = “Wahrhaft morgen!” (= 25. Dezember).

(Grundlage dieser Gedanken zu den O-Antiphonen: Musica sacra 10/11 1985, Ein Lied vom Seufzen der ganzen Schöpfung: Die O-Antiphonen der römischen Adventsliturgie, von P. Dr. Gerhard Voss OSB und Fr. Gregor Baumhof OSB, S. 423-434)

o-antiphon-4a

7 + 1 O-Antiphonen im Advent – Grafik (c) G. M. Ehlert, Dez. 2016

 

 

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Herr, send herab uns deinen Sohn

Ein Lied aus dem Gotteslob zu den O-Antiphonen (GL 222):

Herr, send herab uns deinen Sohn,
die Völker harren lange schon.
Send ihn, den du verheißen hast,
zu tilgen uns’rer Sünden Last.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

I.
O Weisheit aus des Höchsten Mund,
die du umspannst des Weltalls Rund
und alles lenkst mit Kraft und Rat;
komm, weise uns der Klugheit Pfad.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

II.
O Adonai, du starker Gott,
du gabst dem Mose dein Gebot
auf Sinai im Flammenschein:
streck aus den Arm, uns zu befrei’n.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

III.
O Wurzel Jesse, Jesu Christ,
ein Zeichen aller Welt du bist,
das allen Völkern Heil verspricht:
eil uns zu Hilfe, säume nicht.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

IV.
O Schlüssel Davids, dessen Kraft
uns kann entziehn der ew’gen Haft:
komm, führ uns aus des Todes Nacht,
wohin die Sünde uns gebracht.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

V.
O Aufgang, Glanz der Ewigkeit,
du Sonne der Gerechtigkeit:
erleuchte doch mit deiner Pracht
die Finsternis und Todesnacht.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

VI.
O König, Sehnsucht aller Welt,
du Eckstein, der sie eint und hält:
o komm zu uns, o Herrscher mild,
und rette uns, dein Ebenbild.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

VII.
O „Gott mit uns“, Immanuel,
du Fürst des Hauses Israel,
o Hoffnung aller Völker du:
komm, führ uns deinem Frieden zu.
„Freu dich, freu dich, o Israel,
. bald kommt zu dir Immanuel.“

Herr, wir vertrauen auf dein Wort;
es wirkt durch alle Zeiten fort.
Erlöse uns, du bist getreu.
Komm, schaffe Erd und Himmel neu.

(Text: Heinrich Bone, 1847;
Melodie: Thomas Helmore 1856 nach einer franziskanischen Melodie des 15. Jahrhunderts)

siehe auch: „Die 7 + 1 O-Antiphonen“ (Power-Point-Präsentation)

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Gedanken – Meditationen – Einblicke

© Georg Michael Ehlert

(c) G. M. Ehlert

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