Wurzel Jesse

Gedanken zur 1. Lesung des zweiten Adventssonntages –
aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 11,1-10):

An jenem Tag
„wächst aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht…“ (Jes 11,1)

Aus der Tiefe kommt die Kraft

Da saß ich nun – allein – am Frühstückstisch. Ich hatte mir gerade eine Tasse Kaffee eingeschüttet, da fiel mein Blick wieder auf die vielen Beileidskarten, die ich seit dem plötzlichen Tod meiner Frau erhalten hatte. Sie lagen verstreut auf dem Tisch.

Zerstreut war auch ich die letzten Tage seit der Beerdigung gewesen – und müde. Ich wollte nur noch schlafen… und vergessen. Alles fiel mir so schwer. Ich musste mich zu jedem Schritt regelrecht zwingen. Immer wieder drängten sich die dunklen Bilder in mein Bewußtsein: der letzte Besuch im Krankenhaus – das sorgenvolle Gesicht; der Telefonanruf mit der Nachricht: „Ihre Frau ist in der vergangenen Nacht ganz friedlich eingeschlafen“; der schwere Gang zum Grab – der letzte Blick hinab ins tiefe Loch des Grabes – schrecklich!

Wie oft war ich seitdem schon diesen Weg zum Grab gegangen.

Gestern war mir zum ersten Mal der Baumstumpf am Weg aufgefallen. Ein Sturm hatte Stamm und Krone zu Fall gebracht. Waldarbeiter hatten ihn dann ganz abgesägt und das Holz weggefahren. Zurück blieb nur dieser Baumstumpf…

Auch er ist so allein wie ich…

Ich spüre noch den schmerzenden Schnitt, als die Waldarbeiter kamen und meinen Stamm knapp über dem Boden absägten. Die Schnittstelle schmerzt immer noch und blutet still vor sich hin. Warum hat man mich nicht gleich ganz herausgerissen und verbrannt?! Es hat doch alles keinen Sinn mehr… Was bin ich denn ohne Stamm und Äste, ohne Blüten und Früchte… abgeholzt – so gut wie tot. Nebel – und ringsum auch nur noch entlaubte Bäume und Sträucher. Alles nur noch traurig…

Doch unter der Decke des abgefallenen Laubes – dort im Erdboden – bewegt sich da nicht etwas? Regenwürmer und Käfer graben sich ein – sie sorgen vor für den bevorstehenden Winter.

„Grabe tiefer“ – „Schau, wo du verwurzelt bist!“ – wo kommen plötzlich diese Stimmen her? – Ich weiß es nicht, doch ich begebe mich auf die Reise – tief hinab, durch das Dunkle hindurch zu meinen Wurzelspitzen.

Vor Jahren war ich hierher verpflanzt worden. Ich hatte auf einmal genügend Raum und Licht. So wuchs ich in die Höhe und Breite und blühte richtig auf. Das Leben war wie Musik. Das Singen des Windes in den Blättern. Der Gesang der Vögel, die den Frühling ankündigten… So müssen einst die Psalmen Davids geklungen haben, voll freudiger Erwartung auf den kommenden Messias, der wie das Sonnenlicht leuchtet und wärmt… doch auch voller Trauer in verzehrender Sehnsucht…

Ich komme bei meinem Graben nach meinen Wurzeln meiner Herkunft noch tiefer auf die Spur. Ich sehe den Garten vor mir, in dem ich aufgewachsen bin, bevor ich hierher verpflanzt wurde – die Zeit meiner Kindheit und Jugend. Ich erinnere mich an all das, was mich geprägt und gestärkt hat. Manches allzu wild wachsende wurde beschnitten. Doch meine Wurzeln wurden immer fester, breiter und reichten tiefer in den Boden hinein. – Ich dringe vor bis zu meinem Anfang, als ich als Samenkorn auf die Erde kam.

Mein „Stammbaum“, von dem ich abstamme, ließ mich eines Tages aus der ursprünglichen Verbundenheit und Geborgenheit herausfallen und so fiel ich als Samenkorn auf die Erde. Es war für mich wie ein Sterben – doch sie nannten es “Geburt’… „Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ – Ich sollte leben!

Von meinem Stammbaum hatte ich genügend Kraft und Energie mitbekommen, um mich selbst im Boden zu verwurzeln und dem Licht entgegen zu wachsen.

Meine Wurzeln sind mit der Zeit so stark geworden, dass sie mich bis jetzt gehalten haben, keine Stürme vermochten mich zu entwurzeln. Hinderliche Steine, die mir zunächst im Wege waren, wurden mir Orientierung und Stütze. Ich hielt mich mit meinen Wurzeln an ihnen fest – und sie gaben mir so viel Halt. – So muss das wohl auch einst mit den Lebensweisungen Gottes gewesen sein, die Mose auf den zwei steinernen Tafeln geschrieben zu den Menschen brachte, damit sie sich daran festhalten konnten für ein Leben in Freiheit.

Meine Wurzeln dringen noch tiefer hinab auf der Suche nach der Quelle durch Dreck und Sand hindurch. Das Gestein gibt zwar Stütze und Halt, doch Nahrung und Wasser spendet es nicht. So grub ich – radikal – immer tiefer hinab, bis ich schließlich tief unten im Dunkeln auf die verborgene Wasserader stieß. Mit meinen Wurzelenden saugte ich mich voll – wie ein Menschenkind an der Brust seiner Mutter, so versorgte mich die tief verborgene Quelle mit dem, was ich zum Leben brauche. – „Öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem“… „denn bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens und in deinem Licht schauen wir das Licht.“

Plötzlich verspürte ich in mir den Drang – mit all der neuen Kraft aus der Tiefe – wieder nach oben zu steigen. Merk-würdig, woher kommt auf einmal der neue Elan? …

Ich erreiche wieder die Oberfläche – und den vor Trauer verharzten Baumstumpf. Doch was seh‘ ich da – zwischen Rinde und Stamm?! – Da sammelt sich all meine Kraft, da bricht neues leben hervor und wächst langsam dem Licht der Sonne entgegen, das noch hinter den Wolken verborgen ist.

Ich blicke auf und reibe mir die Augen. Ein Sonnenstrahl hat mein Gesicht erhellt. Habe ich nur geträumt? – Vor mir steht die Tasse mit Kaffee – er ist inzwischen kalt. Ringsherum die Karten von lieben Menschen, die mich ihre Verbundenheit spüren lassen.

Ich stehe auf, gehe zum Adventskalender. Mein Blick fällt noch einmal auf das Kalenderblatt von gestern: Eine Wurzel, dazu der Vers: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jesaja 11,1) – Merk-würdig, heute tut mir dieser Satz, mit dem ich gestern überhaupt nichts anfangen konnte, irgendwie gut.

Ich blättere weiter: Mittwoch, 4. Dezember: Barbara…

Ich stehe auf und weiß, was ich heute unbedingt tun muss: ich besorge mir Barbarazweige und stelle sie in eine Vase und dann in mein Zimmer. Von früher weiß ich: an Weihnachten werden auch sie wieder blühen!

                                                           Georg Michael Ehlert, 4. Dezember 1996

Wurzel Jesse - aus der Tiefe kommt die Kraft

Wurzel Jesse (Jes 11,1...) - aus der Tiefe kommt die Kraft (c) G. M. Ehlert

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